Am 16. Mai 2026 fand der zweite Workshop on Language-driven Deliberation Technology (DELITE) im Rahmen der internationalen Language Resources and Evaluation Conference (LREC) 2026 in Palma de Mallorca statt. Das Düsseldorfer Institut für Internet und Demokratie (DIID) beteiligte sich aktiv an der Organisation und Finanzierung dieser Veranstaltung, die sich als interdisziplinäres Forum für neue technologische Entwicklungen im Bereich der digitalen Deliberation versteht.
Nach der Begrüßung und Einführung durch Julia Romberg, Mitglied des Workshop-Organisationsteams, eröffnete DIID-Mitglied Dr. Carina Weinmann das wissenschaftliche Programm mit einer Keynote zum Thema „AI and Deliberation: A Political Communication Perspective“. Aus der Perspektive der politischen Kommunikation beleuchtete sie das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz (KI) und normativen deliberativen Idealen wie Rationalität, Zivilität, Reziprozität und Egalität. Basierend auf einer systematischen Literaturübersicht (Friess et al., 2025) zeigte sie auf, dass die aktuelle KI-Forschung stark auf Rationalität und Zivilität (etwa durch die automatisierte Erkennung von Hassrede) fokussiert ist, während Aspekte der Reziprozität und Egalität bislang vernachlässigt werden. Der Vortrag regte eine intensive Diskussion an, unter anderem über die Rolle von Emotionen in rationalen Argumentationen, den Umgang mit Desinformation im öffentlichen Diskurs und die Frage, inwieweit KI als eigenständiger Akteur in normative Demokratiemodelle integriert werden sollte.
Im Anschluss präsentierten Maike Behrendt und ihr Forschungsteam das Projekt INDI sowie ein dazugehöriges KI-basiertes Assistenztool („INDI Discuss Bot“), das darauf abzielt, die diskursive Integration in Online-Kommentaren zu fördern. Anstatt Nutzenden restriktive Vorgaben zu machen, schlägt der Prototyp konstruktive und zivilere Umformulierungen vor. In der Diskussion wurde erörtert, inwiefern Erklärungen für diese Umformulierungen die Akzeptanz bei den Nutzenden erhöhen können.
Darauf folgte ein Beitrag von Wajdi Zaghouani zu einem Human-AI Framework für demokratische Online-Deliberation im großen Maßstab. Das vorgestellte dreischichtige Modell versucht, die Balance zwischen der Skalierbarkeit durch KI-Unterstützung und der Legitimität menschlicher Urteilskraft zu wahren, indem es Meinungsvielfalt gezielt verstärkt, anstatt sie zu komprimieren.
Nach einer Kaffeepause stellten Panatchakorn Anantaprayoon und Kolleg:innen ein multiagentenbasiertes Alignment Framework vor, das Large Language Models (LLMs) durch Verhandlungsprozesse gegensätzlicher Personas auf kollektive Werte ausrichten soll. Dies zeigte vielversprechende Ansätze zur Verbesserung der Konfliktlösungsfähigkeiten von KI-Modellen in komplexen Wertekonflikten.
Anschließend verlagerte sich der Fokus auf die Praxis parlamentarischer Debatten. Mit dem Tool „Legibot“ stellte Jean-Philippe Cointet stellvertretend für sein Forschungsteam ein Framework vor, das mithilfe von LLMs umfangreiche Textdaten der französischen Nationalversammlung im Hinblick auf deliberative Qualitätsmerkmale sowie adversative Praktiken annotiert und analysiert.
Der darauffolgende Beitrag von Segun Taofeek Aroyehun verglich die Leistungsfähigkeit von feingetunten Encoder-Modellen mit Zero-Shot-LLMs bei der Erkennung prosozialer und polarisierender Diskursattribute in öffentlichen Online-Diskussionen. Dabei zeigte sich, dass Attribute wie Respekt und Mitgefühl für die Modelle die größte Herausforderung darstellen.
Den Abschluss des Workshops bildete eine Paneldiskussion. Die Teilnehmenden erörterten die drängenden rechtlichen, ethischen und praktischen Herausforderungen an der Schnittstelle von KI-basierter Deliberationstechnologie und Praxis. Besonders betont wurde die Notwendigkeit realistischer Risikobewertungen vor der Werkzeugentwicklung, die stärkere Einbeziehung der Nutzendenperspektive sowie die zentrale Bedeutung einer transparenten, externen Wissenschaftskommunikation, um der Öffentlichkeit die Grenzen und Potenziale von KI-Systemen verständlich zu machen.
Der Workshop schloss mit einer Feedbackrunde, in der die Teilnehmenden den intensiven fachlichen Austausch über Disziplingrenzen hinweg sowie die produktive Atmosphäre lobten. Die diskutierten Ansätze bieten wertvolle Impulse für die zukünftige Gestaltung intelligenter Beteiligungsverfahren.